Unsere spontane Ausreise aus Russland

Wir erfahren gerade von unserem „Visa-Glück“

Tja, so wie man’s plant und durchdenkt, so kommt es selten. Aber, dass uns unser Plan so schnell auslachen wird, haben wir auch nicht gedacht.

Ulan Ude/Russland, 12. April 2019, 17:30 Uhr Ortszeit (MEZ +6). Unsere kleine Reisegruppe – frisch geduscht und hungrig – macht sich bereit um Stadt Nummer 4 zu erkunden, von der wir uns am allerwenigsten erwarteten und die nur dazu dienen sollte, noch einmal Energie zu tanken, ein paar Blog-Artikel fertig zu stellen und unsere Route für China zu planen. Doch als wir unser kleines aber feines Hotel nahe des Bahnhofes verlassen wollten, hielt uns der Hotel-Manager auf, und bedeutete uns, unsere Pässe zu checken. Nach kurzer Verwirrung unsererseits und heftigen Gestikulationen seinerseits, checkten wir unser russisches Visum: Gültig bis 12.4.2019. = HEUTE …What?!

Nein, das kann nicht sein. Das muss ein Fehler sein. Wir haben doch immer den 14. April angegeben, weil da unser Zug nach Ulaanbaator, in die Mongolei weitergeht. Das haben wir doch der Visa-Agentur so geschickt oder? Oder etwa nicht? Was bedeutet das jetzt? Wer uns kennt, kann sich unsere Reaktionen gut vorstellen:

Martin: checkt sofort alle seine Emails und die Anträge, die er an die Visa-Agentur gesendet hat.
Georg: schlägt die Hände über den Kopf zusammen, „Scheiße, scheiße, scheiße…“ vor sich hin murmelnd und setzt sich erst mal.
Maria: beginnt heftigst zu zittern, malt sich alle möglichen Szenarien aus, bei denen wir immer letztendlich in einem russischen Gefängnis landen, haut sich ein Bachblütenzuckerl in die Figur und ruft dann erst mal bei der Österreichischen Botschaft in Moskau an. Wer wenn nicht die können uns jetzt sagen, was zu tun ist.

Das Telefonat mit der Botschaft ist ernüchternd. Als ich der Dame (die natürlich Gruber im Nachnamen heißt, und dass dies laut Statistik der häufigste Nachname in Österreich ist, fällt mir sogar in dieser Situation ein – Danke Hirn.) unsere Situation erkläre kommt von ihr nur die trockene Antwort: „Ausreisen. Bis Mitternacht müssen Sie draußen sein aus Russland. Sonst bekommen wir Probleme. Fahren sie einfach irgendwie über die Grenze und wenn das nicht klappt, nehmen Sie ein Flugzeug und fliegen Sie irgendwohin nach Europa.“

Phu… Innerhalb der nächsten 6,5 Stunden irgendwie raus aus dem Land.

Wenn ihr wissen möchtet, ob mich diese Nachricht entspannt hat: nein hat sie nicht. Mein einziger Gedanke war: „Packen!“ und „Raus hier!“ Unser Hotel-Manager Igor, der zum Glück gut Englisch sprach, meinte noch, wir sollen doch einfach bis morgen warten, das geht doch sicher. Er sah dann aber ganz schnell ein, dass dies keine Option für uns war, und half uns beim abchecken aller möglichen Verkehrsmittel: ein Zug ging erst wieder am nächsten Tag am Nachmittag. Ein Bus erst irgendwann in der Früh. Flugzeuge vom Mini-Flughafen in Ulan Ude flogen keinesfalls an einem Freitag Abend noch irgendwohin nach Europa, sondern nur in andere russische Städte.

Es bleibt uns also nix anderes übrig außer ein Taxi bis zur Grenze zu nehmen. 4 Stunden dauert eine Autofahrt von Ulan Ude zur mongolischen Grenze – das geht sich aus und ist unsere einzige Möglichkeit. Während Igor alle russischen Taxifahrer-Freunde durchtelefoniert, probiert Martin mit dem russischen Uber-Anbieter „Yandex“ einen Taxler zu finden, der für uns diese 300 km zurücklegt. Und man glaubt es kaum: es fand sich einer, der uns für 6000 Rubel –. also ca 80 Euro – an die Grenze bringen würde. Igor und seine Frau wollten zwar noch handeln, denn das sei ja viel zu teuer, und überhaupt sie würden uns einen Freund suchen, der uns für 4000 Rubel dorthin bringen würde. Aber die Tatsache dass der Taxifahrer dann auch noch relativ gut Englisch konnte überzeugte uns, ihn zu wählen. Denn: er konnte/durfte uns nicht ÜBER die Grenze bringen sondern nur zur Grenze und von dort aus musste er uns jemanden finden, der uns per Auto durch die Grenzkontrollen mitnahm, weil zu Fuß über die Grenze zu gelangen ist verboten.

Unser letzter Sonnenuntergang in Russland

300 km von Ulan Ude an die russische-mongolische Grenze. Das sind laut Google Maps ca 3-4 Stunden Autofahrt und es war 18.45 Uhr als wir endlich los kamen. 2 Stunden später waren wir nahe der Grenze. Wie der Taxifahrer das geschafft hat, bleibt mir ein Rätsel, ich vermied es auf den Tacho zu schauen, der durchgehend mind. 50 bis 60 km/h mehr anzeigte als die erlaubten 90 km/h auf der Freilandstraße. Aber es war ja nix los und dunkel war es auch und je schneller er uns an die Grenze lieferte, umso schneller konnte er wieder zurück zu Frau und Kind. Uns sollte es recht sein. Um 21 Uhr fanden wir uns beim Grenzübergang ein, wo wir 2 Frauen vermittelt bekamen, die uns für 1000 Rubel in ihrem Auto mit über die Grenze nahmen. Es fühlte sich trotzdem irgendwie nicht-legal an.

An der russischen Grenze

Total erleichtert, vor Mitternacht raus aus Russland zu kommen, setzten wir uns ins Auto – welches dann mal für eine Stunde lang stillstand, da sich die gesamte Kolonne nicht vom Fleck bewegte. Ob die Frauen gedenken, heute noch in die Mongolei zu fahren und wie lange es denn ca dauern wir bis wir aus Russland rausfahren – fragte ich auf Englisch. Die beiden verstanden wenig, sie gaben uns aber zu verstehen, dass es ca 1 Stunde dauert. Und so war es dann auch: innerlich lobte ich das freie Reisen innerhalb der EU-Länder, das kurze Pass herzeigen und weiterfahren, das 5 bis 10 Minuten warten und sich dann frei weiterbewegen, denn von Russland in die Mongolei zu kommen fühlt sich an, als ob man ein gesuchter Verbrecher ist:

Mit 10 anderen Autos wurden wir nach 1 Stunde warten weiter gelotst. Dann mussten wir die Pässe abgeben und aus dem Auto aussteigen. Alle Türen, inkl Kofferraum und Motorhaube wurden geöffnet. Alle Gepäckstücke wurden neben das Auto auf die Straße gelegt. Dann kamen 5 Beamte und ein Hund; das Auto wurde mit Taschenlampen durchsucht und alles ausgeleuchtet, der Hunde schnüffelte sich durch die Autos und die Gepäckstücke, unsere Rucksäcke mussten wir öffnen, aber das einzige was sie interessiert waren unsere Erste-Hilfe-Tascherl und unsere Medikamente. „Do you have Drugs with you?“, fragte uns einer der Beamten. Wir starrten sie entgeistert an – ernsthaft? „Marihuana?“ fragte er, als keine Antwort kam. „NO!“, sagten wir. Natürlich hatten wir keine Drogen – wer bitte wäre schon so blöd, Drogen bei einer Grenzkontrolle mit schmuggeln zu wollen?! Nach dieser Frage und nach der Entdeckung eines Rucksackes voller Vitaminpillen von unseren Grenz-Helferinnen ließen die Beamten uns drei Rucksacktouristen komplett links liegen und beschäftigten sich mit den beiden Damen. Was sie mit über die Grenze nehmen wollten, was daran nicht in Ordnung war und vor allem was sie mit den russischen Beamten auf russisch diskutierten werden wir nie herausfinden. Am Ende dieses Live-Krimis schnappte sich eine der beiden Frauen den Rucksack voller Vitamine und steckte ihn einem Auto zu, welches gerade in Russland einreiste. Aha.

Naja, unsere Ausreise aus Russland, pünktlich am 12. April, ist jedenfalls gelungen. Nachdem auch die Einreise in der Mongolei geklappt hat, (Georg reiste noch am 12. April um 23:58 Uhr ein, Martin und ich am 13. April um 00:10 Uhr) brachten uns unsere beiden „Schmugglerinnen“ (wie wir sie liebevoll nennen) noch zu einem schäbigen Grenzhotel, dass uns für den Rest der Nacht ein Zimmer für 3 Personen um 750 Rubel, also 10 Euro, zur Verfügung stellte. Wie wir dann am nächsten Tag nach Ulaanbaator kommen, sollte das Problem von den Zukunfts-Martin, -Georg und -mir werden. Gute Nacht, Guten Morgen Mongolei.

Endlich im „Hotel“

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